Was passiert, wenn Licht nicht nur beleuchtet, sondern selbst zum Material der Kunst wird? Welche ästhetischen, philosophischen und gesellschaftlichen Dimensionen eröffnet es? Und welche Bedeutung kann Licht heute haben – in einer Zeit, die von digitalen Technologien, gesellschaftlichen Umbrüchen und ökologischen Fragen geprägt ist? Beispiele dafür zeigt die Kunsthalle Bielefeld noch bis zum 1. März in der Ausstellung „Alles Licht – Light and Space gestern und heute“.
Licht ist mehr als Helligkeit – es schafft Atmosphäre, verändert Räume und prägt, wie wir die Welt sehen. In der Kunst war Licht lange nur Mittel der Darstellung, bevor es sich im 20. Jahrhundert zunehmend als eigenständiges Medium behauptete.
Besonders wegweisend für den Umbruch in der künstlerischen Auseinandersetzung mit Licht war das Light and Space Movement, das in den 1960er-Jahren in Südkalifornien entstand. Künstlerinnen und Künstler des Light and Space erforschten Licht als immaterielle Kraft. Mit dem gezielten Einsatz neuartiger industrieller Materialien machten sie Licht sinnlich erfahrbar.
Arbeiten mit Licht selbst
Light and Space-Künstlerinnen und -künstler wie Mary Corse, Robert Irwin, Craig Kauffman, Helen Pashgian und Nancy Holt arbeiteten nicht mehr an der Darstellung von Licht, sondern mit Licht selbst. Sie nutzten seine physikalischen und atmosphärischen Eigenschaften, um Wahrnehmung zu schärfen, Licht erfahrbar zu machen und Räume zu verändern. Die Kernelemente dieser Bewegung – wie der bewusste Umgang mit Technik und Material, die Berücksichtigung von Licht als eigenständiges künstlerisches Medium und die Wahrnehmung dessen als aktiven Prozess – wirken bis heute fort.

Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler greifen diese zentralen Aspekte des Movements auf und erweitern sie mit neuen Technologien, digitalen Medien und gesellschaftlichen Fragestellungen. Licht ist dabei nicht nur ein physikalisches Phänomen, sondern auch ein Medium von Information, Politik, Erinnerung und Identität. Die Arbeiten von Angela Bulloch, Olafur Eliasson, Mischa Kuball, Nicole Miller und Tatsuo Miyajima führen zentrale Anliegen des Light and Space Movements weiter und setzen sie unter heutigen Bedingungen fort – in einer Zeit digitaler Bildwelten, algorithmisch gesteuerter Systeme und ökologischer Veränderungen.
Ausstellung bringt historische und zeitgenössische Positionen zusammen
Die Ausstellung „Alles Licht. Light and Space gestern und heute“ bringt historische Positionen des Light and Space Movements und Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler in einen Dialog. Sie zeigt auf drei Etagen, wie sich die Faszination des Lichts von den kalifornischen Experimenten der 1960er-Jahre bis in die Gegenwart erstreckt.

Zusammenspiel von Werken und Architektur der Kunsthalle
Ein wesentliches Element der Ausstellung ist das Zusammenspiel zwischen den ausgestellten Werken und der Architektur der Kunsthalle Bielefeld, die 1968 nach den Plänen des US-amerikanischen Architekten Philip Johnson eröffnet wurde – und damit selbst der Entstehungszeit des Light and Space entstammt. Die spätmoderne Formsprache des Gebäudes, seine gezielte Lichtführung und die ineinandergreifende Anlage der Räume schaffen ideale Bedingungen, um Licht nicht nur zu zeigen, sondern in seinem atmosphärischen Potenzial unmittelbar erfahrbar zu machen. Insbesondere im ersten Obergeschoss, wo die großzügigen Fensterfronten das Tageslicht in den Ausstellungsraum lenken und die Arbeiten nach außen strahlen können, entsteht ein dynamischer Dialog zwischen Innen- und Außenraum, zwischen Kunstlicht und natürlichem Licht und zwischen Kunstwerk und Umgebung.
Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Sammlungspräsentation, die das Thema Licht aus kunsthistorischer Perspektive vertieft. Hier zeigt sich Licht als Metapher, Bedeutungsträger und als zentrales gestalterisches Element – etwa in der kritischen Auseinandersetzung mit medialen Oberflächen oder in der symbolischen Aufladung des Sichtbaren. So entsteht ein inhaltlich und räumlich miteinander verwobener Rundgang, der sichtbar macht, wie Licht über Epochen, Medien und Konzepte hinweg künstlerische Fragestellungen prägt und miteinander verbindet.
Ausstellung Direktorin: Christina Végh
Kuratorenteam: Benedikt Fahrnschon und Laura Rehme
Fotos: Kunsthalle Bielefeld

